Michael Fischer

Differenz und Gewalt: Die Kategorie ‚Tier’ als Prototyp moralischer Ausschließung

Dass Menschen Tiere sind, gehört heute zum biologischen Allgemeinwissen. Zugleich aber bleibt die moralische Unterscheidung von Menschen und ‚Tieren’ fest im Sprachgebrauch etabliert. Die moralische Kategorie des Tiers ist wesentlich ambivalent. Tiere werden empirisch als Andere erfahren, die sich von Menschen fundamental unterscheiden, denen aber doch eine Du-Evidenz zukommt; sie werden erlebt als Subjekte, die über Bewusstsein verfügen, Freude und Schmerz empfinden können, Interessen haben und ihren Interessen gemäß handeln. Die prinzipielle Berücksichtigung tierlicher Interessen erscheint heute geboten und ist in Tierschutzgesetzen auch rechtlich geregelt. Dabei gilt allerdings eine rabiate Instrumentalisierung und Ausbeutung von Tieren – etwa deren massenhafte Einsperrung und industrielle Tötung – als mit dem Schutz der Tiere kompatibel. Die Kategorie ‚Tier’ markiert den Endpunkt einer Skala des Othering, verweigert den so Bezeichneten elementare Rechte und wertet die Verletzung ihrer Interessen als weitgehend oder gar gänzlich irrelevant. ‚Tiere’ sind die Prototypen von Subjekten, die in rechtlicher und moralischer Hinsicht als Objekte konzipiert, mehr als Anderes denn als Andere verstanden werden, und deren gewaltsame Behandlung legitim und natürlich erscheint.
Der Vortrag untersucht die Konstruktionslogik und Widersprüchlichkeiten der Kategorie ‚Tier’ sowie Bedingungen und Erosionserscheinungen einer moralischen Mensch-Tier-Differenzierung.