Dipl. Soz.-Wiss. Melanie Bujok

Der Käfig der Gesellschaft

Es gibt soziale Medien, die wir beim Anblick verstehen, ohne uns mit anderen über sie verbal austauschen zu müssen, um uns ihrer Bedeutung zu vergewissern, die wir uns umgekehrt aber auch irritationsfrei vorstellen können, ohne dass sie als Gegenstände physisch anwesend sein müssen. Beim Käfig verhält es sich so: Er gehört gleichsam zur Dingwelt und Symbolwelt unserer Kultur, ist sowohl technisches, funktionales Artefakt als auch Zeichen, Metapher – und über die Verbindung seines symbolischen und materiellen Gehalts auch ein sozialer Raum. Seine stoffliche Beschaffenheit, seine Form und die ihm zugewiesenen Funktionen korrespondieren dabei mit den gesellschaftlichen Ideen und Zeichen, die dem Käfig Bedeutung geben: Einsperrung, Unfreiheit, Enge, Absicherung, Abgeschlossenheit, Behältnis, um nur einige kollektive Vorstellungen zu benennen.
Der Käfig markiert eine mehrseitige Grenzziehung, einen vollkommen geschlossenen, aber von außen zu öffnenden Container, der gesellschaftliche Differenzierungen über physische Inklusion und Exklusion materialisiert. Indem er ein räumliches Innen fest abschließt, vermag der Käfig Bewegungen, Handlungen wie Zugang zu Ressourcen vor dem Hintergrund einer gesteigerten technischen und ökonomischen Rationalität zu strukturieren und kontrollieren. Mit dem Käfig wird ein Sozialverhältnis visuell und taktil wahrnehmbar und darstellbar, das historisch auf einem Gewalt- und Machtverhältnis gründet und sozioökonomischen Interessen folgt. Obwohl dieses Sozialverhältnis in seinem Ursprung das gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnis bildet, blieb der Käfig mitsamt der dort zwangsweise verorteten tierlichen Subjekten in den Gesellschaftsanalysen bisher bloße Metapher.
Der Käfig soll in dem Vortrag im Sinne einer sozialen Morphologie und Topografie des Mensch-Tier-Verhältnisses in seinen verschiedenen Dimensionen und Typen ansatzweise begreifbar gemacht werden. Die Aufmerksamkeit ist zum einen auf die sozialen Praktiken, Wertvorstellungen und Bedeutungsmuster zu lenken, die der Käfig einschließt; und auf die Frage, welcher Art die Grenze ist, die von dem Käfig und seinen modernen Modifikationen (z.B. „Freilandhaltungen“) gezogen wird. Mit der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule wird sich der Vortrag sodann in ersten Schritten auf die Suche begeben, wer und was sich außerhalb des Käfigs befindet. Hierbei wird auch der Frage nachgegangen, ob es einen Verweisungszusammenhang zwischen der Gestalt und Selbstbeschreibung der Gesellschaft und der Architektur und den kulturellen Gebrauchsnormen des „Tierkäfigs“ gibt. Dabei interessieren die Formgebung und das verwendete Material genauso wie die Wirkung auf die tierlichen und menschlichen Subjekte, ihre Körper, Handlungen und Beziehungen und schließlich auf die symbolische Repräsentation.