Birgit Mütherich M.A.

Speziesismus als sozialwissenschaftliches Problem

Nach historischen Diskursen während der Aufklärung und im 19. Jahrhundert mehren sich seit Anfang der 1990-er Jahre im angloamerikanischen Forschungsraum Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen menschenbezogener Gewalt und „Tierquälerei“ hindeuten. Angeregt durch Erkenntnisse über die statistisch signifikante Korrelation zwischen tier- und menschenbezogenen Gewalttaten bei eher singulären Tätertypen richtet sich das Forschungsinteresse seit einigen Jahren zunehmend auf den weiten Bereich der häuslichen Gewalt. Obwohl die Ergebnisse differenzierter Analysen über die Gewaltdynamik im erweiterten familialen Kontext – unter Einbeziehung der Haustiere – eine enge Verbindung zwischen „animal abuse“ und „interpersonal violence“ belegen und in verschiedenen Ländern bereits in prognostische Verfahren und ganzheitliche Präventionsmaßnahmen integriert wurden, fanden die aufschlussreichen Fragestellungen zum „Human-Animal Violence Link“ bislang in der deutschsprachigen Forschung außerhalb der Psychopathologie und Kriminologie wenig Resonanz. Während einzelne ForscherInnen auch hierzulande mittlerweile davon ausgehen, dass Tiere und das Tier-Konstrukt – nicht nur historisch betrachtet – zur Stigmatisierung des Fremden, des sozialen Außenseiters oder der Frau dien(t)en, stehen empirische Untersuchungen zur Aktualität, zu Ursachen, Erscheinungsformen, Kontinuitätslinien und Interdependenzen dieses In- und Exklusionsschemas noch aus.
Die Aufnahme des Speziesismus als theoretisch-empirischer Untersuchungsrahmen für die Sozialwissenschaften würde es einerseits ermöglichen, Formen direkter individueller und kollektiver Gewalt aus einer neuen Perspektive – unter Einschluss tierbezogener Gewalt – zu beleuchten. Zum Anderen lassen sich mithilfe einer sozialwissenschaftlichen Speziesismus-Dimension Fragen nach den strukturellen und kulturellen Voraussetzungen verschiedener Unterdrückungs- und Gewaltverhältnisse in westlichen (post)industriellen Gesellschaften umfassender stellen. Diese reichen von der sozialen Verarbeitung und Reproduktion grundlegender Handlungsorientierungen des institutionalisierten Ausbeutungssystems gegenüber Tieren (Versachlichung, Unterwerfung und Aneignung) über die Konstitution gewaltförmiger Einstellungen vor dem Hintergrund einer (nach wie vor) hierarchisch-patriarchalischen Ordnung bis zu Wechselbeziehungen zwischen empirischen Opfergruppen (Frauen, Fremde, Kinder, Tiere), Viktimisierungsprozessen und den Grundformen der sozialen Konstruktion des ‚Anderen’.